13Mai

Trachten mit Geschichte: In Osttirol werden sie mit Stolz getragen!

Hervorheben Kultur & Tradition / Markus Stegmayr

Man könnte ja glauben, dass alle wieder Mut gefasst haben Tracht zu tragen. Andreas Gabalier tut es, Verona Pooth tut es. Und wer zur „Wiesn-Zeit“ durch München oder vergleichbare deutsche Großstädte schlendert, wird ohnehin andauernd mit ihr konfrontiert. Aber um echte Trachten zu sehen sollte man nicht zur „Wiesn“ fahren, sondern nach Osttirol.

Die Tracht ist nämlich vieles. Sie ist aber garantiert nicht geschichtslos- und traditionslos. Wenn man also in der einen oder anderen deutschen Großstadt Dirndln in knalligem Pink oder Grün sieht, dann sollte man zumindest skeptisch werden. Denn Tracht ist halt doch was anderes.

Das moderne Dirndl mag Mode sein. Aber es muss ganz deutlich gesagt sein, dass Trachten Geschichte haben, auf Traditionen beruhen und ganz klar mit den jeweiligen Herkunftsregionen in Verbindung stehen. An der Tracht kann man, auch im heute noch, Zugehörigkeit, Herkunft und teilweise auch den Stand der Trägerin und des Trägers ablesen.

Die Trachten in Osttirol – Das gibt es alles

Die "Pustertaler Tracht"

Die „Pustertaler Tracht“

Nun könnte man den Fehler machen und glauben, dass es nur eine Tracht in Osttirol gäbe. Was durchaus verständlich wäre, zählen der Bezirk Lienz und damit Osttirol gerade mal 49.033 Einwohnerinnen und Einwohner. Doch dann hätte man die Rechnung ohne Osttirol gemacht, das auf eine lange und hochgradig ausdifferenzierte Trachtengeschichte zurückblicken kann.

Aber nicht nur das: Im Gegensatz zu anderen Regionen war die Tracht dort niemals wirklich weg und muss deshalb auch nicht neu belebt werden oder mit den momentanen Moden gehen. Das Tragen der Tracht ist ein Ausdruck der Traditionsverbundenheit und des Heimatstolzes der Osttirolerinnen und Osttiroler. Und diese Ausdrucksmöglichkeiten sind überaus vielfältig.

Die Deferegger Tracht

Die Deferegger Tracht

Ganz besonders interessant ist die Deferegger Tracht. Gar sichtbare Einflüsse aus dem Balkan lassen sich bei dieser finden. Kittel und Mieder sind aus braunem Rasstoff, die Schürze aus schwarzem Leinen. Auf den ersten Blick eine eher „grobe“ Tracht. Kein Wunder, denn diese Tracht wurde auch zur Arbeit getragen und musste so einiges aushalten. Die „fremdländischen“ Einflüsse lassen sich damit erklären, dass die Deferegger Teppichhändler weit herum kamen – eben bis zum Balkan oder gar bis hin zum Zarenhof.

Die Lienzer Festtracht

Die Lienzer Festtracht

Gar „königlich“ kommt wiederum die Lienzer Festtracht daher. Samt, Seide und Brokat sind wirklich edle Stoffe, die zu jedem Fest passen. Besonders auffällig ist daran die Halskrause. Laut der Trachtenexpertin Marianna Oberdorfer vom Atelier Marianna ist dies österreichweit der Alt-Lienzer Tracht vorbehalten und hat seinen Ursprung bei den spanischen Königinnen. Der Rock und der Kittel sind dabei aus lila-schwarz oder grün-kariertem Loden. Wenn der Anlass besonders festlich ist, dann wird die ansonsten blaue Schürze mit der goldfarbenen Schürze getauscht. Man sieht also: Mit dieser Tracht ist man besonders festlich unterwegs und jedem festlichen Anlass angemessen und allerbestens gekleidet.

Nicht vergessen werden darf außerdem auf die Iseltaler Tracht. Im Zentrum ist hier die Alt-Matreier-Tracht. Sie hat eine schwarze Schürze aus Wolle oder Seide und zudem einen schwarzen Kittel aus feinem Loden. Interessant bei dieser Tracht ist, von ihrem Aussehen abgesehen, dass es nicht Bürgerinnen Mitte des 19. Jahrhunderts waren, die sich solche Trachten leisteten und somit zur Verbreitung beitrugen, sondern Frauen aus dem Bauernstand. Die Tracht wurde nämlich von Hausierern in die ländliche Gegend gebracht und die Bäuerinnen vor Ort leisteten sich kurzerhand diese schöne Tracht. Eine Variante dieser Tracht ist die Iseltaler Tracht, die um 1930 herum in Erscheinung trat.

Überaus bunt geht es weiters bei der Pustertaler Tracht zu. Ein kräftiges Rot, sattes Grün, himmelblaues Mieder, schöne Hüte. Die Farbenpracht lässt sich durch die Herkunft aus der Spätbarockzeit, dem sogenannten Rokoko, erklären. Zweifellos kann damit diese Tracht als die farbenfrohste und, wenn man so will, auch fröhlichste Osttiroler Tracht bezeichnet werden.

Die "Alt-Matreier-Tracht"

Die „Alt-Matreier-Tracht“

Und damit ist der Fundus an Osttiroler Trachten noch nicht erschöpft. Kurz zu nennen wäre zum Beispiel noch die Villgrater Tracht. Man sieht es aber schon: Der Platz reicht hier kaum aus. Wer möchte angesichts dieser Fülle und Überfülle in Osttirol noch einmal von DER Tracht reden? Wer glaubt jetzt noch, dass das knallpinke Dirndl am Oktoberfest was mit Tracht zu tun hat? Hoffentlich niemand mehr.

Tracht zu tragen im Heute braucht also Mut und ist nicht nur Mode. Mut deshalb, weil Tracht mit Geschichte, Herkunft und Tradition zu tun hat. Wer Tracht trägt, bekennt sich zu seiner Herkunft, zu der regionalen Geschichte und zu seiner Heimat. Im Gegensatz zu dem einen oder anderen Dirndl oder dem einen oder anderen Hemd mit Hirsch-Bildern ist die echte Tracht nicht beliebig und keine Mode, der man schnell mal hinterherhecheln kann. Wer echte Tracht trägt, der legt ein Bekenntnis ab und steht zu seinen Wurzeln. Das braucht in der heutigen Zeit, in der Schnelllebigkeit und Unverbindlichkeit immer mehr um sich greifen, durchaus Mut zur klaren Haltung.

Liebe Leserinnen und Leser. Ich hoffe ihr habt Lust darauf bekommen, echte und authentische Trachten im „Einsatz“ zu sehen. Davon gibt es in Osttirol, kein Wunder bei der Fülle an Trachten, genügend Gelegenheiten:

Veranstaltungen:

  • 27.-29. Mai 2016: Osttiroler Bezirkstrachtenfest und 40 Jahre Trachtengruppe Anras, Anras
  • 18-19. Juni: 18. Almrosenfest, St. Jakob im Defereggen
  • Juli 2016: Bezirksmusikfest, Assling
  • 1.-3. Juli 2016: Bezirksmusikfest, Prägraten am Großvenediger
  • 16-17. Juli 2015: Bezirksmusikfest, Anras
  • 13-15. August 2016: Gesamtpustertaler Schützenfest, Sillian
  • August 2016: Tristacher Kirchtag mit Prozession, Tristach
  • August 2016: Oberlienzer Kirchtag mit Prozession, Oberlienz
  • August 2016: Kalser Fest der Blasmusik, Kals am Großglockner
  • August 2016: Gaimberger Kirchtag mit Prozession, Gaimberg
  • September 2016: Kalser Kirchtag, Kals am Großglockner

Also, falls ihr Trachten „live“ sehen wollt: Seid dabei! Wenn ihr eine Tracht im Kasten hängen habt, die ihr schon länger nicht mehr getragen habt: Raus damit. Denn Tracht kommt von tragen. Tracht ist nicht Vergangenheit, sondern hochinteressante Gegenwart. Wenn ihr mehr erfahren wollt, hilft euch sicherlich auch das „Tiroler Heimatwerk“ weiter.

Titelbild und alle Bilder im Beitrag: (c) Michaela Ruggenthaler