Magdalena Pircher

20. Februar 2020

Fastenzeit einmal anders…

Vom Verzicht von Überflüssigem zum Blick aufs Wesentliche: Wie ich mehr Fülle, Freiheit und Begeisterung in mein Leben bringe und dabei noch Geld, Platz und Zeit spare.

Über Jahre empfand ich die Fastenzeit als die perfekte Zeitspanne, um mich meiner Wunschfigur – oder besser gesagt jener Figur, die die Industrie uns als Idealfigur vermittelt – zu widmen. Doch irgendwann erkannte ich, dass es das Leben nicht wert war, sich von Medien einreden zu lassen, man sei nicht genug…

Anstatt mich zu kritisieren, tat ich etwas für die Umwelt…

Also versuchte ich etwas Neues, etwas ganz Anderes: Ich wollte wissen, wie schwierig es denn wirklich war, nichts in Plastik verpackt einzukaufen. 40 Tage lang.

Doch ich scheiterte mit meinem Vorsatz. Denn aus 40 Tagen wurden zwei Jahre, aus Plastik-Verzicht wurde ein genereller Verzicht auf Müll, dazu kam der Verzicht auf unnötige Autofahrten und Kurzstreckenflüge. Heute verzichte ich kurz gesagt einfach auf alles Überflüssige.

Auf Dinge, die wir eigentlich nicht bräuchten. Dinge, durch die uns die Werbung verspricht, unseren Traummann, Traumjob oder Traumort zu erobern. Dinge, die nichts über unseren Charakter oder unsere inneren Werte aussagen. Dinge, die andere Menschen unter enormen Arbeitsbedingungen herstellen mussten. Dinge, die uns für kurze Zeit oberflächlich glücklich machen, um dann in der Schublade zu liegen, wo wir sie völlig vergessen über Jahre horten.

„Auf alles Überflüssige zu verzichten ist ein erster Schritt zu Ausgeglichenheit.“

Giorgio Armani

Verzicht klingt für viele wahrscheinlich nach Einschränkung. Da ist so vieles, was ich in meinem Leben nun nicht mehr darf? Nein! Es ist so vieles, was ich in meinem Leben nicht mehr will. Weil mir das Weglassen unnötiger Dinge nicht nur Zeit und Geld spart, sondern vor allem den Blick aufs Wesentliche ermöglicht.

Ich nehme das Leben mit all seinen Farben endlich wahr…

So intensiv, so bewusst und so sehr in seiner Schönheit wahrgenommen, habe ich Osttirol vorher noch nie. Jeder Tag fängt bereits mit einem überwältigenden Sonnenaufgang an, den ich entweder vom Bett aus betrachten kann oder – wenn ich zusätzlich den frischen Morgenduft einatmen möchte – vom Balkon oder aber von einer morgendlichen Bergtour aus bestaune. Manchmal stehe ich einfach nur da und atme mehrmals diese saubere, fein schmeckende Luft ganz tief ein. Die gibt es nicht überall – wir haben Glück. Doch dessen Glück war ich mir lange nicht bewusst.

Auf eine Veränderung zu hoffen, ohne selbst dafür etwas zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.

Albert Einstein

Meine Lebensmittel-Einkäufe erledige ich entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad bei heimischen Bauern, Bäckern, Märkten oder im Bio-Supermarkt. Dieses Gefühl, mich ganz bewusst und aktiv um die Lebensmittel zu kümmern, die meinen eigenen Körper ja ernähren und gesund halten sollen, ist ein noch viel schöneres, wenn ich dadurch auch noch über Feldwege radle, die schöne Landschaft betrachten und (schon wieder) diese gut schmeckende Luft einatmen kann. Außerdem weiß ich somit, von welchen netten Leuten diese Produkte stammen.

Den Moment leben…

Ja, das alles kostet vielleicht mehr Zeit. Doch da ich meinen Alltag eben nicht mit unnötigem (Online-)Shopping oder ständiger Erreichbarkeit lebe, haben Unternehmungen (mit Menschen), die mich glücklich machen, plötzlich einfach Platz. Ich nehme mir diese Zeit. Ganz bewusst. Für mich. Diese wunderschönen Eindrücke kann man sich eben nicht erarbeiten oder kaufen. Wir können sie auch nicht für später aufbewahren. Wir können sie nur im Moment ausnützen.

Lernen, Dinge zu ignorieren, ist einer der besten Wege zu innerem Frieden.

Robert J. Sawyer, kanadischer Science-Fiction-Autor

Es sind nicht nur neue materielle Dinge, die ich mir nicht mehr zulege. Ich versuche auch, auf digitalen Konsum zu verzichten, wenn er nicht unbedingt notwendig ist. Treffe ich mich mit FreundInnen, schenke ich ihnen die volle Aufmerksamkeit und möchte es verhindern, erst recht nicht zuzuhören, weil ich nebenbei mit anderen Leuten schreibe. Und wenn ich in den Bergen bin, die Landschaft genieße und mir einfach gerade Zeit nehme, dann ist das ständige Handy-Vibrieren das Allerletzte, was ich in diesem Moment brauche. Ich habe es satt, ständig und überall erreichbar sein zu müssen. Diese Distanzierung bringt mir effektive Ruhe, Erholung und Begeisterung für den Moment.

Auch die Heimat kann unser Urlaubsort sein…

Mir ist bewusst geworden, wie glücklich ich mich schätzen kann, so eine Pracht-Landschaft Heimat nennen zu dürfen.

Mir ist bewusst geworden, dass Osttirol mit seinen Besonderheiten – den meisten Sonnenstunden Österreichs, dem frischen Quellwasser, den Dolomiten, den Feldern und Wiesen, den Bauernhöfen und Hütten, den Bergen und Tälern, den Flüssen und Bergseen – ganz und gar nicht selbstverständlich ist.

Mir ist bewusst geworden, wie sehr es mir am Herzen liegt, diese Besonderheiten, diese Lebensqualität (und damit meine ich weder Geld noch Besitz) zu bewahren und den folgenden Generationen weiterzugeben.

Mir ist bewusst geworden, dass wir durch unser Konsumverhalten und unsere Lebensweise auf etwas zusteuern, von dem wir alle noch keine Ahnung haben. Fakt ist: Wir sind schon mittendrin in der Klimakrise. Wer weiß, wie lange wir noch sauberes Wasser trinken dürfen. Wer weiß, ob sich die Naturkatastrophen nun alle halben Jahre wiederholen. Im Sommer die Muren, im Winter die Lawinen. Überschwemmungen. Oder Brände wie in Australien. Wer weiß.

Wir könnten Großartiges bewirken, wenn jeder der 8 Milliarden Menschen auf der Welt daran glauben würde, dass sein eigenes Handeln die Welt verändert.

Zweiter Fakt ist: Wir alle können vorbeugen. Wir alle können etwas dagegen tun. Wir alle sollten eigentlich dafür brennen, unser Bestes für uns, unsere Mitmenschen, folgende Generationen und unsere Natur zu geben.

Verantwortung übernehmen…

Egal, womit du anfängst: Vielleicht gefällt dir der Gedanke, regional einzukaufen. Vielleicht möchtest du weniger Müll produzieren. Vielleicht willst du ebenso die Erfahrung machen, dass dich das Radfahren viel frischer und entspannter macht als das Im-stickigen-Auto-im-Stau-Stehen. Vielleicht ist dir unser Leben auch so wichtig, dass du auf das unnötige Fliegen gerne verzichtest. Vielleicht schnupperst du das nächste Mal bei einer Kleidertauschparty vorbei und erlebst, wie erfüllend es ist, andere Leute durch deine ehemaligen Schrankleichen glücklich zu machen und selbst mit „neuen“ Lieblingsstücken nach Hause zu gehen – ohne dass du selbst, die Umwelt oder andere Menschen dafür bezahlen mussten. Vielleicht entscheidest du dich in dieser Fastenzeit auch einfach dazu, das Handy öfter beiseite zu legen, um die Zeit mit lieben Menschen effektiv zu nutzen. Denn wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt…

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