Andrea Zanier

3. Oktober 2019

Das Giatla Haus – Architektonisches Kleinod im Villgratental

Das Villgraten ist ein besonders gutes Beispiel für die Vielfalt der Täler Osttirols. Meine Meinung, dass das Villgratental anders tickt als das restliche Osttirol, wird mir wahrscheinlich verziehen (wir werden sehen:-)).

Wer in Heinfels abbiegt und dem Tal folgt, taucht ein in eine andere Welt – eine faszinierende Natur- und Kulturlandschaft mit innovationsfreudigen Menschen. Fast am Ende des Tals, in Kalkstein, findet sich ein besonderes Urlaubsdomizil. Das 300 Jahre alte, stilvoll sanierte Giatla Haus mit vier Apartments und einem Saunabereich. Dem Bauherrn Dr. Martin Steinlechner und seinem Schwager Benjamin Schaller gelang die Meisterleistung, aus ursprünglicher, traditioneller Bausubstanz und moderner Architektur ein wahres Kleinod zu schaffen.

Entschleunigung & Erdung

Benjamin Schaller ist Bauer. Und weil heute ein Regentag ist, hat er Zeit für mich. Schließlich gilt es ansonsten im Hochsommer die Almwiesen zu mähen und zu „heugen“ (die Heuernte), zu zäunen und vieles mehr. Aber gemeinsam mit Lebensgefährtin Jeannette ist er auch Gastgeber im Giatla Haus, das direkt am Oberschallerhof liegt und der nahegelegenen Alfenalm. Für ihn persönlich gehören Landwirtschaft und Tourismus in dieser Region eng zusammen.

Die Berglandwirtschaft ist das Zugpferd für unsere Qualitätsbetten. Die Gäste interessieren sich für die Arbeiten und die Tiere am Hof. Nicht wenige wollen den Arbeitsalltag selbst erleben und helfen mit, zum Beispiel beim Heugen. Übrigens eine völlig andere körperliche Herausforderung, auch für Fitness Center gestählte Gäste. Für die Kinder sind Rituale etwas ganz Besonderes, wie am Abend die Rinder von der Weide zu holen.“ Der archaische Rhythmus des Hofes, die Konzentration auf das Wesentliche und das naturbelassene Tal entschleunigt die Gäste bei Benjamin und Jeannette. Und natürlich die Architektur.

Keine Inszenierung, sondern Authentizität

Die Verbindung zur Natur steht im Vordergrund am Oberschallerhof und das war auch Devise bei der jahrelangen Sanierung des Giatla Hauses. Die Außenansicht des traditionellen Bauernhofes wurde zum großen Teil erhalten und behutsam, ja kunstvoll restauriert. Im Inneren wurde sozusagen ein zweites Holzhaus aufgezogen, der Zwischenraum für die Isolation aus Schafschurwolle genutzt. Das Interieur verbindet ursprüngliche, ökologische Baustoffe mit modernster Technik und Komfort. Sämtliches Altholz wurde während der Sanierung des Giatla Hauses sorgfältig verwahrt, restauriert und wieder eingebaut. Geradlinige Möbel aus unbehandeltem Fichten- und Zirbenholz & liebevoll restaurierte, antike Möbelstücke vom Oberstallerhof sorgen für Wohnlichkeit. Zu jedem Stück – fast jedem Brett- gibt’s eine Geschichte. Nichts ist aufgesetzt, alles authentisch.

Auffallend ist die Großzügigkeit des gesamten Hauses, vorgegeben durch die ursprüngliche Struktur, die konsequent beibehalten wurde. So blieb der Charakter des 300 Jahre alten Bauernhauses erhalten. Die 4 Appartements für in Summe 12 Personen verteilen sich über zwei Etagen. Im Dachgeschoss befindet sich ein weitläufiger Saunabereich mit Infrarotkabine, Finnischer Sauna und Frischluftraum. Immer wieder tut sich nicht nur das atemberaubende Panorama, sondern auch eine großzügige Blickachse im Haus auf. Für die Sanierung mit den Architekten Madritsch/Pfurtscheller erhielt der Bauherr den Sanierungspreis 2018 und den Holzbaupreis 2019. Gelistet ist das Giatla Haus auch bei der Plattform Urlaubsarchitektur.

Benjamin hat viel Herzblut in den Umbau gesteckt und konnte seine Erfahrung mit Holz einbringen. Er hat den Großteil des Altholzes eigenhändig restauriert: „Bei der Sanierung eines Altbau darf man sich nichts einreden lassen, sondern muss seiner eigenen Vorstellung folgen. Gut war, dass die Architekten Madritsch/Pfurtscheller ganz gleich dachten wie wir.“

Der Eingangsbereich des Giatla Hauses.
Der Eingangsbereich des Giatla Hauses.

Gelebte Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit mag ein viel strapaziertes Wort sein, am Oberschallerhof wird diese schon immer gelebt. Das bewies die Familie auch beim Umbau des Apartmenthauses und auch der Almhütte. Die ökologischen Baumaterialien stammen aus der Region, die Arbeiten führten ortsansässige Handwerksbetriebe aus.

Nicht nur die Dämmmaterialien, auch die Textilien und Bettwaren aus Schafschurwolle stammen von Villgrater Natur aus Innervillgraten. Die Möbel wurden aus heimischen Fichtenholz gebaut. „Wir denken bereits an die Zukunft und wollen die richtigen Schritte setzen, um auch für unsere Kinder einen nachhaltigen Lebensort zu kreieren. Der Oberschallerhof und das Giatla Haus sollen noch lange nach uns die Heimat für unsere Kinder sein“, so Benjamin Schaller.

Die Schafschurwolldämmung von Villgrater Natur ist eigentlich unsichtbar, bunte Schafwolle als Deko-Element im Treppenhaus holt sie ins Rampenlicht.
Die Schafschurwolldämmung von Villgrater Natur ist eigentlich unsichtbar, bunte Wolle als Deko-Element im Treppenhaus holt sie ins Rampenlicht.

Eine Deutsche, viel Leidenschaft und gute Ideen

Nachhaltigkeit bedeutet auch, die Region in Wert zu setzen. Das ist mit dem Giatla Haus und auch der Alfenalm definitiv gelungen. Benjamin und Jeannette sind immer für ihre Gäste da, die Appartements werden das ganze Jahr vermietet. „Mein Verlangen wegzufahren wird immer weniger. Unser Wochenende kann auch mal an einem Dienstag sein, weil ja auch in der Landwirtschaft am Wochenende gearbeitet wird“, steht Jeannette der ganzjährigen Verfügbarkeit gegenüber.

Jeannette ist ursprünglich aus Deutschland und hat sich in Kalkstein gut eingelebt. Weil sie als „Zuagroaste“ (Zugezogene) vieles aus einer anderen Perspektive sieht, entwickeln sich gemeinsam mit dem Villgrater Original Benjamin interessante Ideen und Angebote. Jeannette hat den meisten Gästekontakt – kümmert sich um das touristische Marketing, den Frühstücksservice – und hilft in der Landwirtschaft.

Rückbesinnung auf die ursprünglichen Fähigkeiten und Werte

Für Jeannette und Benjamin ist Rückbesinnung auf die eigenen, ursprünglichen Fähigkeiten und Werte wichtig. Das spürt man, wenn man mit ihnen spricht. Diese Philosophie kommt bei beiden aber nicht altbacken, sondern sehr zeitgeistig. Jeannette hat angefangen, sich mich Kräuterkunde zu beschäftigen, macht die landwirtschaftliche Facharbeiterprüfung.

Bei der „Deutschen“, die als Erntehelferin kam, merkt man die Transformation, die dieses naturbelassene Tal mit den Menschen vollzieht. Nicht nur ihr Körper hat sich durch die Arbeit am Bauernhof verändert. „Ich hab hier gelernt, dass man den Regen schon riechen kann, auch wenn er noch einige Kilometer entfernt ist und man ihn mit allen anderen Sinnen noch nicht wahrnehmen kann.“

Ein besonderer Ort ist das hier in Kalkstein. Die Gastgeber, das Tal, dieses wundervolle Haus – die Summe macht aus dem Giatla Haus einen Sehnsuchtsort für Menschen, die sich in ursprünglichem, stilvollem Ambiente und unberührter Landschaft erholen wollen.

Alle Fotos des Giatla Hauses: Lukas Schaller

Fotos der Gastgeber & Details: Andrea Zanier