Monika Hoeksema

12. Juli 2021

Die große Freiheit: Thomas Friedrich über seine Leidenschaft

Obacht – wenn da einer in Osttirol an der Straße steht, so ein junger Kerl mit windzerzausten Haaren, großem schwarzen Rucksack und offenem, sympathischen Lächeln, den sollte man unbedingt mitnehmen. Denn es könnte gut sein, dass das Thomas Friedrich ist, der gerade einen längeren Gleitschirmflug hinter sich hat. Für den 20-jährigen Profisportler ist Osttirol zum optimalen Trainingsplatz geworden. 

Mit elf Jahren rannte Thomas erstmals zur Bergkante, stieß sich ab und startete seinen ersten alleinigen Höhenflug mit dem Gleitschirm. Er war fünf oder sechs, erinnert er sich, als er überhaupt das erste Mal mit dem Papa im Tandem geflogen ist. Der hatte eine Gleitschirmfliegerschule. Danach ist Thomas immer und immer wieder den Übungshang auf- und abgelaufen. 

Heute kombiniert der gebürtige Grazer das Paragleiten mit dem Berglaufen und dem Bergsteigen bzw. dem Skibergsteigen. „Paragleiten ist eine Sportart, die man extrem gut kombinieren kann“, erzählt er. Als Kind sei er auch viel in den Bergen unterwegs gewesen, war klettern, radfahren, laufen. „Später konnte ich das gut mit dem Fliegen verbinden“, berichtet er. Und lacht: „Wenn ich einen Paragleiter dabeihabe, der nur zwei bis drei Kilo wiegt, spare ich mir auch das Runtergehen, wenn die Bedingungen passen.“

Zum Neun-Uhr-Kaffee hinunterfliegen

Die sind in Osttirol meist optimal. Freilich, der Wind muss stimmen. Aber die Region gibt alles her, was einen Paragleiter sehnsüchtig Richtung Gipfel blicken lässt. „Das Zettersfeld ist super, weil es sehr thermisch und fürs Streckenfliegen ein super Ausgangspunkt ist“, schwärmt Thomas. „Und der Hochstein ist toll, weil du vor dem Frühstück direkt von der Stadt raufgehen kannst und zum Kaffee um neun Uhr wieder unten bist.“ Anfängern rät er das nicht, aber auch sie finden in Osttirol ihr Revier, einfache flachere Hänge, wie es sie überall im Bezirk gibt. Die Bedingungen, unter denen man anfangs fliegen kann, seien überall recht begrenzt, weiß er. „Es ist ein Lernprozess über mehrere Jahre. Wer dann gut ist, kann von nahezu jedem Gipfel starten, von Plätzen, die man sich als Laie gar nicht vorstellen kann. 

Blödsinn, den man nicht ändern kann

Wie einiges, was mit dem Profi-Paragleiten zu tun hat. Thomas erzählt von seinem großen Traum – dem Red Bull X-Alps“-Bewerb. Er war in diesem Jahr dabei – von Salzburg zum Mont Blanc und zurück nach Zell am See führt die Strecke. 1.238 Kilometer durch fünf Länder. Er und sein Team, Arno, Jörg, Lucas, Manuel und Matthias. „Wir hatten eine super Zeit“, sagt Thomas. „Wir haben uns als Team sehr gut in das Rennen hineingefunden. Und dann ist a Blödsinn passiert, den man halt einfach nicht ändern kann. Es spielen so viele Faktoren eine Rolle bei einem Rennen, das zwölf Tage lang geht, wenn dann mal was schief geht oder man wie in meinem Fall eine Stromleitung übersieht und dann a bissl härter landet.“ Er lacht. Da müsse man sich nicht mal richtig weh tun, aber wenn man dann noch fünf Tage lang weitergehen müsse, dann könne das eben fatale Folgen haben. „In zwei Jahren sind wir wieder dabei“, sagt Thomas. „Wir sind echt motiviert.“ 

Osttirol Thomas Friedrich Paragleiten
Der große Traum von Thomas Friedrich: der „Red Bull Xalps“-Bewerb.

Im Sommer Rad fahren, im Winter Skitouren gehen

Das Radfahren klappt jedenfalls schon wieder. Es ist, wie das Laufen, Teil seines Trainings. Ansonsten versucht Thomas, möglichst viel Zeit in der Luft zu verbringen. In der Zwischenzeit hat er die Flugschule vom Papa übernommen und gibt alles daran, eine gute Balance zwischen Arbeit und Training zu halten. Zwischen zehn und fünfzehn Stunden wöchentlich trainiert er für seine Ausdauer, die für die Bewerbe alles ist. Als Kind war er mit seiner Familie schon öfter auf Urlaub in Osttirol. Richtig hängengeblieben ist er vor ein paar Jahren hier beim Training für den Dolomitenmann. „Es ist die perfekte Umgebung, weil ich direkt auf der Strecke trainieren kann.“

Entspannt paragleiten – für Thomas Friedrich gibt es nichts Schöneres.

Thomas Friedrich: „Osttirol? Ist a bissl wie heimkommen!

Kürzlich war er mit dem Bike auf der Karlsbader Hütte. Im Winter schnallt er sich die Touren- oder Langlaufskier an. „Es ist die Abwechslung, die es ausmacht“, sagt er. In allen vier Jahreszeiten habe man immer etwas, worauf man sich freuen könne. Das sei fürs Training extrem wichtig, damit die Motivation nicht verloren gehe. 

Und wenn er mal nicht trainiert? Thomas überlegt. „Freunde treffen, im Sommer baden gehen. Aber ich versuche, alles mit dem Trainieren zu verbinden. Vielleicht am Vormittag eine Runde fliegen, am Nachmittag Rad fahren oder eine Runde laufen gehen. Es gibt hier in Osttirol so viele Möglichkeiten, ich kann jeden Tag woanders hinfahren und es wird nie fad.“ So kommt’s auch, dass er, wenn es irgendwie geht, hierherkommt. „Inzwischen ist es a bissl wie heimkommen. Sobald ich Zeit hab‘, bin ich wieder da.“ Dann sind es nicht nur die Berge, die es ihm angetan haben: „Die Leit san einfach alle liab. Ich habe hier noch nie einen getroffen, der schlecht drauf war. Und jedes Mal, wenn ich da bin, ist schönes Wetter, und egal, wo ich sonst bin, hier ist es einfach doch am coolsten.“ Außerdem hat es ihm das gute Essen angetan. Wenn er selbst kocht, dann am liebsten Kaiserschmarrn. 

„Osttirol? Ist a bissl wie heimkommen!“

Spielplatz Berge

Auf die Frage nach weiteren Hobbys antwortet Thomas: „Bouldern. Und Slackline, das ist ein cooles Ausgleichstraining für die Feinmuskulatur.“ Aber wie entspannt er? „Fliegen gehen“, lacht er und zuckt mit den Schultern. „Vielleicht bei einem ruhigen Abendflug. Oder bei einem Morgen-Hike&Fly. Na gut, dann anders? Wie und wo kann er am besten Kraft tanken? Er muss nicht überlegen: „Hier und beim Traineren.“ 

Wir werfen ihm noch ein paar Stichworte zu, mit der Bitte, spontan zu antworten.
Freiheit? „Fliegen.“
Stille? „Sonnenuntergang.“
Raum? „Spielplatz Berge.“
Musik: „Hebt immer meine Laune.“
Leidenschaft? „Fliegen.“

Sein Lieblingsbuch heißt „Lauf oder stirb“ von Kilian Jornet. Der Franzose bestritt bereits als Teenager Ultramarathon- und Bergläufe. Ein Vorbild? „Obwohl Laufen nicht wirklich mein Fokus ist“, sagt Thomas, „kann es schon passieren, dass ich bei Bewerben wie dem „Bordairrace“ 115 Kilometer in 33 Stunden gegangen bin, und das mit sieben, acht Kilo auf dem Rücken. Thomas längster Flug reichte übrigens 220 Kilometer weit. Wer also diesen unheimlich sympathischen jungen Mann mit dem schwarzen Rucksack, dem windzerzausten Haar und dem glücklichen Lächeln am Straßenrand sieht – er freut sich über eine Mitfahrgelegenheit. Der nächste Berg, die große Freiheit ruft. 

Thomas Friedrich über Osttirol

© Video und Titelbild: Dang Tran