Morgenbeginn im Osttiroler Winter. Die Sonne schiebt sich zaghaft über die Gipfel, taucht das Tal in ein sanftes Gold. Das Knirschen des Schnees unter den Füßen. Der Atem dampft in der klaren Luft, irgendwo hört man zaghaft ein Wildtier oder das leise Gurgeln eines Baches. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Das sind die Augenblicke für viele Menschen in Osttirol, die genau diese Wintermomente so sehr lieben. Vier solche Menschen stellen wir euch heute näher vor.
Ein Leben mit dem Winter

Mit 19 Jahren stand Heinz Bodner an einem Wendepunkt: Eine Stelle als Koch in einem Nobelrestaurant in Salzburg lag zum Greifen nah. Doch Heinz entschied sich anders – gegen die Stadt, für die Berge. Für das, was ihm wirklich am Herzen lag: seine Heimat Kartitsch in Osttirol. Heute ist er hier fest verwurzelt und einer der Menschen, die das Dorf mit Leben füllen. Heinz ist Hüttenwirt, Gastwirt, Taxiunternehmer, Liftbetreiber und wenn er gerade nicht im Gasthaus in der Küche steht, sitzt er wahrscheinlich in der Pistenraupe. Kaum jemand kennt die Loipen, Wege und Hänge rund „seinen Dorfberg“ so gut wie er.
Bei all den Aufgaben, die ihn tagtäglich erwarten, findet Heinz seine Ruhe ausgerechnet bei der Arbeit: beim Präparieren der Loipen und Winterwanderwege. „Diese Arbeit, das Fahren mit der Pistenraupe, ist eigentlich mein Hobby“, erzählt er. „Im Gasthaus kommen ständig Leute, die etwas brauchen. Wenn ich aber sage, ich gehe jetzt die Loipe walzen, dann bin ich zwei Stunden ganz für mich. Ich fahre über das Plateau, sehe Rehe oder einen Hirsch, beobachte Spuren im Schnee und kann einfach abschalten.“ Diese Momente allein in der verschneiten Bergwelt sind für ihn etwas Besonderes.
Sie zeigen auch, was Kartitsch ausmacht: Stille, Natur, Weite – und Menschen, die all das mit Herz pflegen. Seit über 20 Jahren betreibt er mit seinem das Team die Höhenloipe am Dorfberg, inzwischen sind viele Winterwanderwege seit der Zertifizierung von Kartitsch als „1. Winterwanderdorf Österreichs“ dazugekommen. „Eine Piste und eine Bergstation sind ja nichts Besonderes“, sagt Heinz. „Aber dass man hier im Wald auf einem Plateau auf 2.000 Höhenmetern wandert und langlaufen kann, sieben, acht Kilometer weit, das ist einzigartig. Das hat nur Kartitsch.“


Mit Herz durch den Nationalpark Hohe Tauern

Wer Caroline Führer begegnet, trifft auf eine Person, die Osttirol nicht nur kennt, sondern lebt. Die 35-jährige Nationalpark-Rangerin ist vor fünf Jahren nach Osttirol gezogen. Hier, zwischen imposanten Dreitausendern und stillen Naturwundern, hat sie eine neue Heimat gefunden und fühlt sie sich zuhause. Die Berge sind ihr Element: Ob Wandern, Schneeschuhtouren oder stundenlanges Stöbern in der Natur – Caroline findet ihre Inspiration draußen. Und genau dorthin nimmt sie auch ihre Gäste mit.
Als Rangerin im Nationalpark Hohe Tauern führt Caroline Besucher:innen zu Fuß oder auf Schneeschuhen zu den schönsten, oft versteckten Plätzen des Schutzgebiets. Dabei zeigt sie nicht nur spektakuläre Panoramen, sondern auch die kleinen Wunder der Natur: frische Fährten im Schnee, die eleganten Bewegungen von Gämsen an steilen Hängen oder das majestätische Auftreten eines Steinbocks. „Der Nationalpark ist voller Geschichten“, sagt Caroline. „Man muss nur lernen, sie zu lesen.“ Caroline zeigt mit ihrer Arbeit, wie wertvoll ein achtsamer Umgang mit der Natur ist. Wer mit ihr unterwegs ist, spürt schnell: Osttirol ist kein Ort, den man einfach besucht. Es ist ein Ort, den man fühlt und der einen verändert.


Die fröhliche Stille der winterlichen Berge

Es gibt Orte, an denen die Welt leiser wird. Solche, an denen man die Stille fast greifen kann. Für Egon Kleinlercher, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, beginnt dieser Ort dort, wo die ersten Schritte in den frischen Schnee führen. Hoch oben, inmitten der unberührten Osttiroler Bergwelt, liegt jene Freiheit, die sein Leben seit Kindheitstagen prägt. Egon ist Jahrgang 1965 und auf einem Bergbauernhof in St. Jakob im Defereggental groß geworden mit Blick auf die Dreitausender, die für ihn von Anfang an mehr waren als nur Berge. Sie waren Spielplatz, Herausforderung, Lehrmeister. Irgendwann wurden sie zu seiner Berufung.
Seit über drei Jahrzehnten arbeitet er nun als Berg- und Skiführer. Viel hat sich in dieser Zeit verändert, aber eines ist geblieben: Die tiefe Verbundenheit zur Natur und der Respekt vor dem, was die Berge von einem verlangen. Für seinen Beruf muss er ein freiheitsliebender Mensch sein und zugleich jemand, der Verantwortung nicht scheut. Schließlich trägt er für jeden Menschen, den er in die Berge mitnimmt, die volle Verantwortung.
Wenn er im Winter frühmorgens mit den Skiern an den Füßen loszieht, Schritt für Schritt, Stunde um Stunde, und weit und breit keine Spur zu sehen ist, dann spürt er jene besondere Art von Stille, die nur die Berge schenken können. Es ist eine Ruhe, die nicht leer, sondern voller Leben ist. Für Egon ist Osttirol eine Region, in der man auch im Winter abseits der bekannten Routen immer guten Schnee findet. Und ein Ort, an dem sich unzählige Möglichkeiten ergeben, die Berge neu zu erleben – ob auf Skiern, zu Fuß oder am Seil. Für den Berg- und Skiführer gibt es Touren, die man nicht beschreibt, die muss man erleben.
Eine davon ist die Skitour „Hoch Tirol“, eine Route, die jede:r, der bzw. die Berge liebt, einmal im Leben gemacht haben sollte. In sechs Tagen führt die Tour über die höchsten Gipfel der Ostalpen, durch eine großartige Gletscherwelt, bis hinauf zum krönenden Abschluss: dem Großglockner. Der Ausblick vom höchsten Punkt Österreichs ist unvergleichlich und jeder Schritt dorthin ein Weg zu sich selbst.

Der Yeti von Kartitsch

In Kartitsch in Osttirol kennt man ihn einfach als den „Yeti“: Josef Herrnegger, 59, Bergliebhaber, Zeichner und echtes Dorforiginal. Seinen Spitznamen bekam er nach einer verregneten Bergtour: Durchnässt betrat er sein Stammlokal, worauf jemand rief: „Schaut, da kommt der Yeti!“ Der Name blieb, wohl auch, weil er sich nur einmal im Jahr rasiert. Josef liebt die Berge, Winter wie Sommer, Frühling wie Herbst. Er macht sich ständig auf Entdeckungstouren, unzählige Berggipfel hat er schon erklommen. Wenn er nicht in den Bergen unterwegs ist, zeichnet Yeti. Über 1.000 Buntstiftzeichnungen von Gipfelkreuzen, Schutzhütten und Alpengipfeln hat er in seinem riesigen Tourenbuch gesammelt – fein sortiert und laminiert. „Beim Zeichnen kann ich abschalten und die Touren noch einmal erleben“, sagt er.
Gerade zur Adventzeit überrascht er seine Mitbürger:innen von Kartitsch mit einer besonders reizenden Geste: Er schmückt sein Heimatdorf mit einer Vielzahl seiner Zeichnungen samt Weihnachtsgrüßen. Ein Brauch, der Einheimische und Gäste gleichermaßen erfreut. In den Wintermonaten arbeitet Yeti beim Dorfberg-Lift und ist meist an der Ausstiegstelle des Schleppliftes zu finden. Auch ein Kuriosum: Josef „Yeti“ Herrnegger kann nicht Skifahren, und so erledigt er seine Kontrollfahrten auf der Rodel.

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