Es ist ein Septembermorgen 2025. Fünf junge Männer stehen inmitten der Lienzer Dolomiten, vor ihnen 600 Höhenmeter bis zum Ziel: Der Großen Gamswiesenspitze. Damit nicht genug, denn sie sind auf einer ganz besonderen Mission. Sie haben sich vorgenommen, das erste Gipfelkreuz auf diesem Gipfel zu errichten. Dieses 65 Kilogramm schwere, schwarze Metallkreuz hat eine Höhe von 2,8 Metern und wird ohne technische Hilfestellung auf die Gamswiesenspitze gebracht.
Es beginnt, wie so viele gute Geschichten in Osttirol beginnen: mit einem einfachen Gedanken. Beim Kirchtag, irgendwo zwischen Gesprächen über Berge und die nächsten Touren, taucht plötzlich eine Frage auf: Warum steht da oben eigentlich kein Kreuz? Während solche Ideen oft genauso schnell wieder verschwinden, bleibt diese hängen und wird ernst genommen.
Was danach entsteht, ist keine klassische Erfolgsgeschichte mit klarer Struktur, sondern etwas viel Typischeres für die Region: Eine Idee, die wächst, weil jemand beginnt, sie umzusetzen.

Wie aus einer Idee ein Gemeinschaftsprojekt wurde
Aus diesem Gedanken formiert sich nach und nach ein kleines Team. Fünf junge Osttiroler bringen unterschiedliche Fähigkeiten und Perspektiven mit, verfolgen aber dasselbe Ziel: Sie möchten der Gamswiesenspitze endlich ein Gipfelkreuz schenken.
Ohne Verein im Hintergrund, ohne offiziellen Auftrag und ohne finanzielles Sicherheitsnetz entsteht ein Projekt, das vor allem von Eigeninitiative lebt. Was dabei hilft, ist weniger ein durchgeplantes Konzept als vielmehr das, was in Osttirol oft selbstverständlich ist: ein starkes Netzwerk, Handschlagqualität und die Bereitschaft, anzupacken!
Einer kennt jemanden, der sich mit Beton auskennt, ein anderer organisiert den Zugang zur Materialseilbahn, und wieder jemand bringt das handwerkliche Know-how für das Kreuz selbst ein. So fügt sich Stück für Stück alles zusammen, bis aus einer Idee ein Vorhaben wird, das plötzlich in greifbarer Nähe ist. Den Grundstein für dieses Projekt legten dabei vor allem Hilfsbereitschaft und Vertrauen.



Mit reiner Muskelkraft auf die Gamswiesenspitze
Die Große Gamswiesenspitze (2.486 m) liegt im Gemeindegebiet von Amlach in Osttirol. Bis 2025 fehlte dort ein Gipfelkreuz, obwohl die Aussicht auf die umliegenden Dolomitenpanoramen diesen Ort zu einem idealen Ziel für Wandernde, Kletterbegeisterte und Bergsteiger:innen macht.
Spätestens beim ersten Materialtransport wird klar, dass dieses Projekt mehr verlangt als Motivation allein. Insgesamt müssen mehr als 300 Kilo Material – Beton, Wasser, Eisen und Werkzeug – auf den Berg gebracht werden. Bis zur Kerschbaumeralm funktioniert das noch mit technischer Unterstützung durch eine Materialseilbahn, doch danach zählt nur noch Muskelkraft und Durchhaltevermögen.
Der Weg nach oben wird damit zur eigentlichen Herausforderung. Mit schweren Lasten von zum Teil mehr als 50 Kilogramm am Rücken, schmerzenden Schultern und in steilem Gelände wird jeder Schritt zur bewussten Entscheidung, weiterzugehen. Etwa 600 Höhenmeter müssen über einen steilen Steig überwunden werden. Die jungen Männer sprechen von absoluten Grenzerfahrungen.
Natürlich gäbe es einfachere Möglichkeiten, etwa einen Hubschraubertransport. Doch genau darauf wird bewusst verzichtet. Denn hier geht es nicht nur darum, ein Kreuz aufzustellen. Es geht vor allem auch darum, wie man dorthin gelangt. Der Weg ist das Ziel und die Rückkehr zur Handarbeit wird ein besonderer Teil der Geschichte.


Durchhalten heißt, gemeinsam weiterzugehen
Was von außen wie ein eingespieltes Team wirkt, entwickelt sich erst im Laufe des Projekts. Unterschiedliche Meinungen, organisatorische Hürden und zeitliche Herausforderungen gehören genauso dazu wie die körperliche Belastung am Berg.
Pläne müssen angepasst werden, Helfer wechseln, und vieles funktioniert erst im zweiten oder dritten Anlauf. Gerade diese Phasen sind es jedoch, die das Team zusammenschweißen. Aus einzelnen Beteiligten wird Schritt für Schritt eine Gemeinschaft, die sich aufeinander verlässt und gemeinsam Lösungen findet. Zum Teil sind bis zu 20 Personen an dem Projekt beteiligt.
Durchhaltevermögen zeigt sich dabei nicht nur in der körperlichen Leistung, sondern vor allem darin, dranzubleiben, auch wenn es kompliziert wird.



Ein Gipfelkreuz, das mehr erzählt als nur Höhe und Meter
Am Ende steht oben nicht einfach ein Gipfelkreuz, sondern ein sichtbares Zeichen dafür, was entstehen kann, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, ohne dass jemand sie dazu auffordert.
Es befindet sich direkt am Ende des Madonnen-Klettersteiges, einem Weg, der diesem Ort bereits seine besondere Prägung gibt. Die Madonna im Kreuz ist daher kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung, die den Charakter des Berges aufgreift und weiterführt. Der Namensursprung entstammt einer Felsformation, die wie eine Madonna aussieht.
Gerade diese Verbindung macht den Gipfel besonders: Hier wurde nichts beliebig ergänzt, sondern etwas geschaffen, das sich stimmig in die Umgebung einfügt.



Was bleibt ist mehr als ein Gipfelkreuz für die Gamswiesenspitze
Vielleicht ist dieses Kreuz nicht vom Tal aus sichtbar und wird auch nie zum klassischen Fotomotiv. Doch genau darin liegt auch seine Stärke.
Es richtet sich an jene, die sich auf den Weg machen, die den Anstieg erleben und oben verstehen, was hinter diesem Projekt steckt. An die, die wirklich oben sind. Für sie wird das Kreuz mehr sein als ein wichtiger Orientierungspunkt – nämlich ein Symbol für Einsatz, Zusammenhalt und die Kraft, aus einer Idee Wirklichkeit werden zu lassen.
Und vielleicht erzählt es damit auch etwas Grundsätzliches über Osttirol: Dass hier nicht lange darüber gesprochen wird, was möglich wäre, sondern dass jemand beginnt und andere mitzieht!


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