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Das Höchste der Gefühle: Interview mit Andreas Rofner

Das Höchste der Gefühle: Interview mit Andreas Rofner
© Andreas Rofner

Osttirol ist im wahrsten Sinne des Wortes „alles überragend“. Im Zentrum des Nationalparks Hohe Tauern thront der Großglockner, Österreichs höchster Berg. Rund um seinen Gipfel voll Geschichte und Mystik ragen 266 Dreitausender in den Himmel. In Osttirol findest du über 150 selbständige Gipfel über 3.000m Höhe, der Rest sind benannte Nebengipfel oder Graterhebungen über 3.000m. Einige davon sind ausgesprochene Sommergipfel, andere sind aufgrund von brüchigem Gesteinsmaterial nur im Winter zu besteigen. Manch einen kannst du ohne größere Anstrengung erklimmen, für andere wiederum brauchst du unbedingt hochalpine Erfahrung und dementsprechende Ausrüstung. Was aber alle gemeinsam haben ist die grandiose Aussicht, wenn du am Gipfel stehst. Andreas Rofner, seit 21 Jahren Ranger im Nationalpark Hohe Tauern und sein Bergkamerad Reinhard Steiner, Volksschullehrer in Virgen, haben das fast Unmögliche möglich gemacht und alle 3.000er in Osttirol bestiegen. Wie es dazu kam, welche Herausforderungen sie meistern mussten und was sie so alles erlebt haben, kannst du im folgenden Interview nachlesen.

Am Großglocknergipfel
Andreas Rofner und sein Bergkamerad Reinhard Steiner am Großglocknergipfel

Über Andreas Rofner

Andreas Rofner wurde 1964 in Virgen in Osttirol geboren. Seit seiner Kindheit ist Andreas viel in den Bergen unterwegs gewesen. Zuerst mit seinem Vater, dann mit Freunden und seit 21 Jahren als Nationalparkranger auch mit vielen Gästen. Um seinen Arbeitsplatz besser kennenzulernen, hat er sich gemeinsam mit seinem Bergkameraden Reinhard Steiner ein ganz besonderes Ziel gesetzt: alle 3.000er in Osttirol zu bezwingen.

Interview mit Andreas Rofner

Andreas, wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

„Anfang der 2000er Jahre ist ein Buch von Georg Zlöbl „Die Dreitausender Osttirols“ erschienen. Das war das erste Mal, dass man ein umfassendes Werk in den Händen hielt, wo alle Gipfel beschrieben sind, mit Tourenbeschreibungen, Fotos, Erzählungen und vielem mehr. Mit diesem Buch haben wir uns dann grob orientiert, haben eine Liste verfasst, wie wir es angehen können. Im Buch selbst sind 241 Dreitausender beschrieben, es sind aber letztendlich 266 3000er Gipfel – auch wenn einige davon sehr unbedeutend sind, erfüllen sie doch alle die Kriterien, um als eigenständiger 3000er Gipfel gezählt zu werden (offizieller Name und Höhenangabe sind Voraussetzung).“

„Angetrieben wurde ich von der Tatsache, dass alle diese Gipfel im Nationalparkgebiet liegen und ich dadurch meinen Arbeitsplatz besser kennen lernen konnte, was mir in meinem Alltag viel nutzt. Und du brauchst jemanden, der mit dabei ist und ähnlich tickt wie du selbst. Es sollte jemand sein, der nicht nur die sportliche Herausforderung sucht, also nicht nur möglichst schnell von A nach B wandern will. Ich habe jemanden gesucht, der wirklich selbst auch Freude bei den Unternehmungen hat, auf den du dich verlassen kannst und der nicht für jede Tour zu überreden ist. Die Partnerschaft mit Reinhard Steiner hat sich wirklich erst durch dieses Projekt gebildet.“

Reichenbergergütte
Blick von der Reichenbergerhütte zur beeindruckenden Venedigergruppe

Wie wurde der Plan in die Realität umgesetzt?

„Mit der Liste in der Hand haben wir uns dann Mal um Mal entschieden, welchen Gipfel wir in den nächsten Tagen angehen werden. Anhand der Tourenbeschreibung im Buch oder durch Erzählungen anderer Bergkameraden planten wir die Tour. Welche Aufstiegsvariante wohl am besten ist? Was brauchen wir an Ausrüstung? Zu welcher Tageszeit geht die Tour am besten? Und ganz wichtig: lässt sich dieser Gipfel noch mit einem weiteren Gipfel in der Nähe verbinden? Wir suchten oft nicht nur einen Berg, sondern eine Gratüberschreitung mit 3,4 oder 5 Bergen – das haben wir tatsächlich oft geschafft. Es hat 5 Jahre gedauert, an denen wir richtig viel unterwegs waren. Das meiste waren 83 Gipfel in einem Jahr. Wir sind aber wirklich Sommer wie Winter, Frühling wie Herbst unterwegs gewesen – die Beachtung der Jahreszeiten hat uns oft sehr geholfen. Manche Touren gehen im Frühling sehr gut, da du noch ein paar Firncolours vorfindest, manche im Winter als richtig feine Skitour und manche nur im Hochsommer, da du die perfekten trockenen Bedingungen brauchst.“

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Einige Dreitausender – wie hier Großer Geiger, Symonispitzen, Dreiherrenspitze oder die Rötspitze bieten sich an, im Winter im Rahmen der Hochtirol-Plus Route zu besteigen

Welche Herausforderungen musstet ihr überwinden?

„Die größte Herausforderung war es herauszufinden, wie realistisch die Tourenbeschreibungen waren. Wenn man sich manche Tourenführer durchliest, dann merkt man, dass diese zu einer Zeit geschrieben wurden, wo vor allem die Gletscherstände noch ganz anders ausgesehen haben. Für uns sind auch ein paar Berggipfel dabei gewesen, wo wir vorher noch nie auch nur in der Nähe waren, zum Beispiel der Glockhauskamm im hinteren Defereggental. Von ein paar Defregger Kollegen, die sich in dieser Gegend auskennen, haben wir schlussendlich Auskünfte zur Tour bekommen. Gefährlich waren aber auch Informationen, die komplett irreführend waren. Zum Beispiel die Merbspitze (Grenzberg am Prettnaukamm an der Österreichisch-Italienischen Grenze) ist beschrieben als ein Gipfel, welcher vom Merbjoch leicht zu erreichen ist. Für uns war er aber nicht erreichbar, da der beschriebene Zustiegsweg nicht breiter als ein Handy war. So mussten wir dann einfach langwierig einen anderen Zustieg finden. Da ist es uns auch passiert, dass wir abbrechen oder umdisponieren mussten. So etwas haben wir dann immer gemeinsam entschieden.“

andreas-rofner
Andreas Rofner erzählt über seine 3000er Geschichte

Es gibt leichte und schwere Dreitausender. Welche sind deine Lieblingsgipfel?

„Es gibt viele Dreitausender in Osttirol, die für durchschnittliche Bergsteiger relativ leicht zu besteigen sind, die landschaftlich schön sind und deren Ausblicke atemberaubend sind. Es gibt auch Dreitausender, bei denen der Weg hinauf und hinunter oftmals schon das Ziel ist. Der schwerste Dreitausender meiner Ansicht nach ist die sogenannte Kastengratüberschreitung im Kalser Tauerntal: ein unglaublich ausgesetzter Grad, zusätzlich brüchig und richtig lange zu gehen – 12 bis 14 Stunden und noch länger. Diese glaube ich würde ich heute nicht mehr gehen, da sie als Tour nicht gut einschätzbar ist.“

„Ich habe einige Lieblingsgipfel. Der hohe Eichham ist ein richtig schönes Ziel. Nicht nur weil er der höchste Gipfel meiner Heimatgemeinde Virgen ist. Auch weil er einige interessante unterschiedliche Aufstiege bietet. Wir gehen ihn nicht nur über den Normalaufstieg über die Südseite, sondern sind ihn auch über den Ost- und Westgrat gegangen und sogar über die Nordseite und über den Eichhamturm drüber.“

„Als Grenzberg zu Italien kann man den Hochgall einfach nicht auslassen. Vor allem auch, weil der Hochgall keinen normalen Zustieg hat. Wer also alpin nicht einigermaßen fit ist, der kommt nicht hinauf. Wir sind diesen sowohl über die Südrinne, als auch über den Krügergrat gegangen. Der Krügergrat ist vielleicht fototechnisch einer der interessantesten Wege, weil du hier Fotomotive findest, die du sonst nicht hast. Und in Kals habe ich einen absoluten Lieblingsberg, das ist die Kreuzwand. Die Kreuzwand liegt unmittelbar gegenüber dem Großglockner, und ist die südliche Begrenzung vom Teischnitztal. Ein relativ einfacher Berg, vom Ausblick unglaublich schön, wo du den gesamten Glocknerkamp vor dir hast, du hier alleine sitzen kannst und mit dem Fernglas zuschauen kannst, was sich am Glocknergipfel alles abspielt.“

König Großglockner zum Greifen nah
König Großglockner, zum Greifen nah

Gab es in dieser Zeit ein ganz außergewöhnliches, lustiges, vielleicht gefährliches Erlebnis?

„Es hat alles von diesen gegeben. Beim Absteigen vom Kastengrad/Romariswand bin ich in eine Spalte gefallen und am Rucksack hängen geblieben. Das Kuriosum: ich bin dann ein zweites Mal denselben Weg gegangen, mit einem anderen Bergkameraden. Wir sind dann die Nacht gekommen und die beiden Stirnlampen sind fast gleichzeitig ausgefallen – wir hatten richtig Schwierigkeiten gehabt, den Weg zum Kalser Tauernhaus zu finden. Ein paar Mal wurden wir auch von Wetterkapriolen überrascht. Gewitter am Berg, massiven Sturm gerade im Winter, mit der Option es auszusitzen oder bei ganz schlechten Verhältnissen den Weg zurückzufinden – das alles kam vor“

„Ich hasse eure Berge“

„Eine lustige Begebenheit werde ich nie vergessen! Wir sind in Kals vom Lesachriegel auf die Schönleitenspitze und weiter aufs Tschadinhorn. Am Tschadinhorn haben wir eine Familie mit 2 kleinen Kindern zwischen 7 und 11 Jahre angetroffen. Die Familie hat am Gipfel gerastet, wir haben gesehen, dass die Kinder eher frustriert und wenig begeistert waren. Wie die Familie dann den Gipfel verlassen hat, haben wir uns das Gipfelbuch angesehen und gelesen, dass die Eltern voller Stolz eingetragen haben, dass dies der erste 3000er für die Familie war. Eines der beiden Kinder – es war eindeutig eine Kinderschrift – hat dann noch hinzugefügt: „Ich hasse eure Berge!“

Andreas und Reinhard besteigen auch heute noch gemeinsam die Berge Osttirols. Es sind zwar die gleichen Gipfel geblieben, aber sie versuchen, jedes Mal einen anderen Anstieg zu schaffen. Und so wird man sie auch weiterhin beim einen oder anderen Gipfelkreuz beim Handschlag und einem kräftigen „Berg Heil“ antreffen können.

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