Bernhard Pichler

22. Oktober 2020

Mit dicken Handschuhen, Mütze und Schal auf der Suche nach der Antwort

Leise rieselt der Schnee.

Wenn die ersten Schneeflocken fallen, kommen sofort Kindheitserinnerungen auf. Erinnerungen an einen dicken Overall, eine Mütze und das Schneemann bauen. Aber das Schneemann bauen funktioniert nicht? Der Schnee haftet nicht, er „pappt“ nicht? Jeder Versuch, eine Kugel zu formen, zerfällt gleich wie der Traum vom größten Schneemann im Ort. Es handelt sich hier um den legendären Champagne Powder.

Diese 2 Wörter, die bei jedem Tiefschneefahrer unmittelbar Muskelzucken auslösen, stehen sinnbildlich für Kanada oder die USA. Dieser fluffig-weiche und trockene Schnee ist der Grund, warum Freerider, die die dicken Powderlatten in den Keller gestellt haben, ab Oktober kontinuierlich das Wetter checken und die Powder-Alerts sämtlicher Skiregionen abonniert haben.

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Auf der Suche nach dem Champagne Powder: Im Defereggental bist du richtig. © Lars Schneider

Das Problem dabei? In den Alpen ist der Champagne Powder sehr selten. Denn um dieses Gefühl zu erleben, wie auf Wolken den Hang hinab zu schweben, muss der Schnee extrem trocken sein. Das passiert nur, wenn die bodennahe Luft relativ kalt ist.

In den Alpen bestimmt in der Regel der Atlantik das Klima. Er bringt feuchte Luftmassen, wodurch die Luft nur mäßig kalt wird und die Kristalle leichter aneinander haften. Doch hier gibt es zum Glück Ausnahmen: das Defereggental in Osttirol, auch hier ist der legendäre Champagne Powder zu finden. Aber warum ist das so? Ist der Schnee im Defereggental wirklich anders als sonst wo in Osttirol oder im Alpenraum?

Die Antwort ist einerseits einfach, andererseits äußerst schwierig zu erklären. Einfach wäre: das Defereggental und speziell St. Jakob im Defereggental, gehört zu den kältesten Orten Österreichs, mit Spitzen-Minuswerten von minus 29° Celsius. Und es schneit einfach wahnsinnig viel im Defereggental – im letzten Jahr wieder rund 4,5 Meter Neuschnee in den Wintermonaten. Aber so einfach ist es nun doch nicht ganz.

Still und starr ruht der See.

Ja, auch in St. Jakob im Defereggental ruht der See – nämlich der Kaltluftsee. Wie erwähnt gilt St. Jakob im Defereggental als einer der kältesten Orte Österreichs mit bis zu minus 29 Grad Celsius. Das liegt vor allem an der geographischen Lage: St. Jakob befindet sich im Talkessel des Defereggentals, direkt an der Schwarzach. Vom Ort erstreckt sich talauswärts ein kleines inneralpines Becken. Das führt dazu, dass sich im Winter aufgrund von Inversionswetterlagen und der Tatsache, dass auf das Ortszentrum bis zu drei Monate keine Sonne fällt, häufig ein Kaltluftsee bildet.  

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In St. Jakob im Defereggental bildet sich oft der Kaltluftsee. ©Blaha

Diese kalten Temperaturen in Kombination mit dem Kaltluftsee lassen das Defereggental zum Freeride-Geheimtipp und zu den wenigen Regionen in den Alpen werden, die mit Champagne Powder aufwarten können. Das Gute daran? Da die Luft zudem sehr trocken ist, fühlen sich die Temperaturen nicht so kalt an und der Schnee wird gerade deswegen fluffig weich. Da es im Defereggental weite Hänge, viele Varianten und keinen Massenansturm gibt, freut sich jedes Freeriderherz über diesen Geheimtipp.

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© Christian Weiermann